Der Sieg der schönen Buchstaben

Sie waren nicht die ersten gewesen, die nach und nach hatten erkennen müssen, dass ihre Arbeit keinen Sinn mehr hatte. Nach den fahrenden Lumpensammlern, Scherenschleifern und Regenschirmflickern waren auch die Schildermaler zum Opfer einer kurzlebigen und ökonomischen Welt geworden.
Geschichte aber wird nicht so schnell geschrieben, wie es zuweilen scheinen mag.

Die Wende war in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts gekommen. Computergestütztes Design und materialunabhängige Druckmöglichkeiten hatten ihr Handwerk in ein überflüssiges Relikt überholter Zeiten verwandelt. Perfekter, schneller und preiswerter waren die Alternativen, die ein seit dem Mittelalter bestehender Beruf zur unwirtschaftlichen Liebhaberei degradiert, wenn nicht gar für immer ausgelöscht hatte.
Sieb- und Foliendruck hatten leichtes Spiel gehabt – waren sie doch zunehmend erschwinglicher und zugänglicher geworden. A3-Geräte für das Home Office machten es erst recht einfach, eine Tätigkeit auszubooten, die von vornherein die schlechtesten Voraussetzungen gehabt hatte. Es ging um Kunst und Handschrift – zwei Dinge, die in der maschinellen Wirklichkeit der neuen Ära, die sogar an das vollständige Verschwinden des Papiers glauben wollte, keinen Platz mehr hatten. Rein profitorientiert und streng rationalisiert gab sich das Geschäftsleben, dynamisch-steril und gnadenlos effizient das kaufmännische Image.

Auch wenn dieser Niedergang die Schildermaler zweifellos existentiell mit voller Härte traf und in den Herzen jene Bitterkeit hinterließ, die für jeden unausweichlich mit der Erkenntnis einhergeht, er werde nicht mehr gebraucht und sein besonderes Können habe für die Gesellschaft, in der er lebt, keinen Wert mehr, war das Unglück auch ein Glücksfall.

Nachdem es sich gezwungenermaßen von allem praktischen Nutzen befreit hatte, entdeckte das Handwerk der schönen Buchstaben eine neue Dimension. Als nunmehr überflüssige Fertigkeit konnte es sich mit dem versöhnen, was es einst gewesen war: die ästhetische, graphisch-künstlerische Interpretation von Schrift, ein Bindeglied zwischen zweckfreier Kalligraphie und zweckorientiertem Druck.
Unter der Bezeichnung „Hand Lettering“ wurde es als Hobby beliebt, als „Chalk Art Typography“ entwickelte es sich vom flüchtigen Dekorationsgegenstand zum graphischen Element des Corporate Designs zurück. Bekannte Bekleidungs- und Sportausstattungsunternehmen haben unter vielen anderen zu den handgemalten Schriftzügen zurückgefunden.

Ob für das kleine Café um die Ecke oder für weltumspannende Konzerne – das gemalte Schild ist nicht mehr selbstverständlich, sondern eine Besonderheit, die man sich ganz bewusst gönnt und für die man sich gezielt entscheidet. So wurde aus dem Handwerk wieder Kunst, aus den gezeichneten Buchstaben wieder eine begehrte Kostbarkeit.
Die Schildermaler haben gesiegt – und mit ihnen die Schönheit der Schrift.

Ist das Abfall oder Zeitgeist?

Vor gar nicht so langer Zeit, so scheint es, herrschte darüber stiller Konsens: Packpapier war ein wenig beachtetes bis unbeliebtes Alltagsprodukt, das aufgrund seiner Haltbarkeit gern und mit großer Selbstverständlichkeit verwendet wurde, um Sendungen über längere Strecken zuverlässig zu schützen, das nach Gebrauch aber fast immer schnell und gedankenlos den weg in die Mülltonne fand. Zwar wurde mancher Bogen, wenn ein Päckchen sein Ziel in besonders gutem Zustand erreicht hatte, geglättet und klein gefaltet in der Tiefe einer Schublade aufbewahrt und durfte neben Bindfadenrollen, Klebeband und Schere auf den nächsten Einsatz warten, allerdings geschah das eher aus Gründen der Sparsamkeit. Schließlich war es ein verhältnismäßig teures Material, und seine Wiederverwertung war vor allem finanziell motiviert.
Jahrzehnte lang aber wäre niemand auf die Idee gekommen, die ästhetischen Werte von Packpapier zu hinterfragen. Seine Farbe galt als roh und gewöhnlich – mehr brauchte es für seine profane Aufgabe nun einmal nicht.

Mit der Wiederentdeckung eines ökologischen Bewusstseins, das Recycling von seinem rein wirtschaftlichen Aspekt trennte und zu einer ethischen Verpflichtung adelte, wurden allem Ursprünglichem ein zweites Leben und eine neue Identität eröffnet.
Auf einmal stand der unbehandelte Braunton für Umweltschutz und Naturverbundenheit und positionierte sich erfolgreich als gesellschaftlich korrekte Alternative zu gebleichten und kunterbunten Produkten. Als Ideal einer frischen Natürlichkeit wurde das gute alte Packpapier zum Sinnbild einer originellen und verantwortungsvollen Geschenkverpackung, das sich bald als salonfähig erwies. Was einst unaufregender Abfall gewesen war, gehörte nun zum guten Ton zeitgemäßen Handelns.

Bei einer DIY-Modeerscheinung blieb es nicht. Papierhersteller erkannten schnell die breiten Möglichkeiten, die sich aus dem bescheidenen Ansatz ergaben, und begannen, Varianten in Form von Schreibblöcken und Büromappen anzubieten. Der ökologische Nutzen war längst nicht mehr das wichtigste Marketingargument. Vielmehr stand die Schönheit des lange verkannten Materials im Vordergrund. Packaging-Industrie und Corporate Design befreiten es vom Stigma des reinen Umweltprodukts. Beige und Braun sind nun zu einer neuen Eleganz geworden, und die pudrige Haptik schmückt sich mit goldenem Druck und aufwändigen Prägungen. Das hässliche Entlein hat sich zu einem Luxusmerkmal gemausert, auf das insbesondere im gehobenen Preissegment immer mehr zurückgegriffen wird. Unzählige Start-Ups gründen ihre Hoffnungen auf ihre eigene Interpretation des gar nicht mehr alltäglichen Materials, das auch Künstler inspiriert.

Aus dem einstigen Konsens der Geringschätzung wurde ein Konsens des Lifestyles. Naturpapiere, zu denen Packpapier gehört, sind längst kein Kompromiss mehr. Sie stehen nicht mehr zwischen ästhetischen Wünschen und praktischen Erfordernissen.
Vielmehr sind ihre puristischen Eigenschaften die Antwort auf das Bedürfnis unserer Zeit nach Ruhe und Potenzialen, nach authentischer Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit.

Sie arbeiteten mit Papier, Tinte und Schrift

Für Schreibende und Kunstschaffende haben die Ereignisse der letzten Tage noch eine viel tiefgreifendere, sensiblere und umfassendere Dimension, als es für diejenigen der Fall sein kann, die nicht in diesem Bereich arbeiten und das Geschehen eher auf einer menschlichen oder politischen Ebene rezipieren. Der wöchentliche Bericht zum Follow-Friday von TextLoft auf Facebook und Google# fällt heute deshalb etwas anders aus als sonst.

Der Kolumnist von Charlie Hebdo, Patrick Pelloux, betonte in seinem eindrucksvollen und erschütternden gestrigen Fernsehinterview (für diejenigen, die ein wenig des Französischen mächtig sind: das Interview) auf sehr offene und entwaffnende Weise, wie wichtig die Gesten der „Je suis Charlie“-Bewegungen für ihn selbst, die anderen wenigen Überlebenden und die Freunde und Familien der Opfer sind.
Vielleicht sind diese schwarzen Kärtchen und die hochgehaltenen Stifte nur ein leeres Zeichen, eine naive und hilflose Pose. Sie ändern weder das Geschehene, noch die Zukunft. Aber wenn sie den mutigen Journalisten und Zeichnern von Charlie Hebdo Trost, Halt und Kraft spenden – und Patrick Pelloux’ unmissverständlich aufrichtige Worte lassen daran keinen Zweifel – haben sie dennoch einen Sinn.

Im Gedenken an Honoré, Charb, Cabu, Wolinski, Tignous, Bernard Maris, Elsa Cayat, Michel Renaud, Mustapha Ourad und Frédéric Boisseau.

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Papierwaren: Von Schrullen und Nöten

Wenn es um Schreibwaren geht, bin ich entsetzlich kleinlich, wählerisch und unflexibel. Ich habe sehr festgefahrene Gewohnheiten und werde unleidlich, wenn ich sie nicht ausleben kann. Meine Papierwaren müssen meinen sehr eng gefassten ästhetischen Maßstäben gerecht werden, welche wiederum bei weitem nicht für jeden – wohl eher für überhaupt niemanden – nachvollziehbar sind.

Der Grund dafür liegt in der Natur der Sache: Jeder Schreibende braucht für seinen Arbeitsprozess bestimmte Grundbedingungen. Manch einer kann Lärm nicht ertragen, ein anderer schreibt nur an der frischen Luft, andere erschaffen sich Rituale, indem sie zum Beispiel zu festen Tageszeiten arbeiten, immer dieselbe Schreibmaschine verwenden oder nie zu schreiben beginnen, ohne eine Tasse Kaffee oder Tee zur Hand zu haben. Was sich dahinter verbirgt, ist ein Grundbedürfnis und ein Allgemeinplatz: Schreiben ist nur möglich, wenn der Kopf frei ist und alles „stimmt”.

Bei mir ist der entscheidende Faktor das „Werkzeug” im erweiterten Sinne. Wenn es nicht passt, wenn es auf unangenehme Weise die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, anstatt mit mir und meiner Denkweise zu verschmelzen, erfüllt es seine Aufgabe nicht. Dabei kann es um konkrete praktische Funktionen gehen, oder aber ebenso um Dinge, die das Auge – genauer gesagt in diesem Fall mein ziemlich überspitztes und ganz und gar kompromissfremdes Schönheitsempfinden – stören. Das, was ich zum Schreiben, aber auch für die Verwaltung meiner Arbeit (be)nutze, muss also mit mir im Einklang sein, damit ich mich wohlfühle und unbeschwert schreiben kann.

Diese seltsame Eigenart kann zu langwierigen Suchabenteuern führen, neben denen die Prüfungen eines Parzival und die Forschungen eines Indiana Jones wie ein gemütlicher Sonntagsspaziergang anmuten. So habe ich etwa dreißig verschiedene braune Tinten ausprobiert, bevor ich Diamines Row Sienna entdeckte, die allerdings „nur” zu 95 % der Idealfarbe gleichkommt. Den perfekten Aktendeckel – cognacfarben und aus einer sehr präzisen Kartonqualität muss er sein – suche ich noch immer; es gibt ihn, nur nicht in Deutschland oder von Deutschland aus zu kaufen.

Habe ich wiederum „das Richtige” für mich gefunden, entsteht eine sehr innige Verbindung, die, wenn es nach mir geht, ein Leben lang andauern kann. Problematisch wird es, wenn ein solches Lieblingsprodukt eines Tages vom Markt genommen wird, ohne dass ich die Möglichkeit habe, einen ausreichenden Vorrat anzulegen.
So gab es in der 80er-Jahren in jedem Copy-Shop bestimmte Karteikastenregister aus Pappe, die in den Farben rosa, blau, grau, gelb und grün in beschrifteter und unbeschrifteter Variante angeboten wurden. Für meine Bedürfnisse und meinen Geschmack waren sie perfekt. Als ich in diesem Jahr versuchte, genau diese Reiter nachzukaufen, stellte ich mit Entsetzen fest, dass es sie nicht mehr gibt. Mit den verschiedentlich angebotenen Scheußlichkeiten aus Holz, Plastik oder Spanmaterial konnte ich mich nicht anfreunden. So griff ich in Ermangelung passenden Werkzeugs und Ausgangsmaterials zum Trost zumindest zu einem schönen Karton.

Aus Römerturms Die Natürlichen in der Variante Stroh, einem minimalistisch gerippten Naturkarton mit Einschlüssen aus echtem Stroh, entstanden für meinen Blogplan 2014–2015 diese Trenner.

Was soll man sonst tun, wenn aus der Schrulle Not wird?

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Warum ich Notizbücher liebe

Dass Notizbücher meine besten Freunde wurden, war keine Selbstverständlichkeit und stellte sich erst relativ spät heraus.
Als ich klein war, beneidete ich immer die Schüler der höheren Klassen, die nicht angehalten waren, Hefte zu benutzen und auf lose Ringbuchblätter schreiben durften. Die losen Blätter wurden für mich zum Symbol des Erwachsenseins und der damit verbundenen Freiheit, und ich war heilfroh und stolz, als auch ich endlich in die Klassenstufen kam, in denen jeder seine Schreibmaterialien so wählen konnte, wie er wollte. Die losen Blätter wurden zur demonstrativen Form meiner ganz persönlichen Emanzipation vom Kinderdasein.
Erst nach dem Studium begann ich, die praktischen Seiten von Heften und Notizbüchern wirklich zu schätzen und auch ihre optische Geschlossenheit zu genießen. Sie sind haltbarer, es fällt nichts heraus, man muss die Seiten nicht einmal nummerieren. Allein das Heraustrennen einer unerwünschten Seite ist manchmal etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Es entfällt die Notwendigkeit einer Unterlage, und das Schreibgefühl ist immer gleich  – aus diesem Grund bevorzuge ich Briefpapier mittlerweile auch in Schreibblockform und meide die üblichen Schachteln.
Die gebundene Form ist etwas Unvergleichliches. Sie ist für mich viel mehr als ein rein technisches und äußerliches Merkmal. Sie gibt meinem Schreiben Halt. Sie schafft Geborgenheit  – als würde man sich in seinen Lieblingspullover einkuscheln oder in einem Lieblingssessel verkriechen. Es ist ganz egal, wo ich bin, das geschlossene Büchlein in meiner Hand oder in meiner Umhängetasche gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein, geschützt, sicher, fast unangreifbar. Es ist, als könnte mir nichts passieren, solange mein Notizbuch in Reichweite ist. Es ist die einzige Heimat, die ich wirklich brauche, der einzige Hafen, den ich wirklich spüre, der einzige Festpunkt, auf den ich mich verlassen kann.
In ihrer bewahrenden Eigenschaft sind Notizbücher nicht nur Archiv und Quelle. Sie sind Enklaven unserer Alltags, das Sinnbild eines einfachen, ursprünglichen und unaufgeregten Lebens. Sie haben ihre ganz eigene Treue … und ihre ganz eigene Ehrlichkeit. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Ferne und Nähe verwandeln sie zu einem abgeschiedenen Kosmos, den wir überall hin mitnehmen können. Sie sind das Meer und die Insel zugleich.
Bis ich dies begriff, hat es verhältnismäßig lange gedauert. Umso inniger wurde diese Liebe, und meine Notizbücher, -hefte und -blöcke sind heute ein Teil meiner Selbst, unentbehrlich und selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Sie sind der sinnliche Ausdruck des Schreibens.

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Es begann damit, dass ich eines Tages beschloss, eine neue Tintenfarbe für meine private Korrespondenz auszuwählen. Grau- und Brauntöne kamen in Frage. Die Auswahl war groß. Zu groß. Besonders die Brauntöne machten mir das Leben schwer: Die meisten waren zu altrosig, zu schwärzlich … Nach dem perfekten Braun suche ich noch immer – obwohl Diamines Raw Sienna dem schon sehr nahekommt und im Moment täglich verwendet wird. Nach und nach schlichen sich auch andere Töne ein, die mit der ursprünglichen Suche nichts zu tun hatten. Mittlerweile ist die Sammlung wieder auf die Hälfte ihres zwischenzeitlichen Umfangs zurückgegangen, und meine Markenvorliebe hat sich gefestigt.

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Die Sucht nach Papier

Dass Schreibende ein wenig „anders” sind, habe ich schon als Kind gemerkt, auch wenn ich es damals sicher nicht mit diesen Worten ausgedrückt hätte.
Mein Lieblingsort in der ganzen Stadt war kein Spielplatz, kein Park, kein Schwimmbad, und auch nicht das Haus meines Großvaters oder der Garten einer Freundin. Es war ein Buch- und Schreibwarenladen, ein altes, properes, nach Papier duftendes Geschäft, das nur wenige Schritte von meinem Elternhaus entfernt für mich den Himmel auf Erden darstellte.

Ich habe seitdem viele Buchläden und Schreibwarengeschäfte betreten. Etwas Vergleichbares konnte ich nie finden.
Es gab dort nichts, was es nicht gab, und man konnte alles bekommen, ganz gleich, wie abstrus, selten, teuer, klein, eigen oder unbekannt das Gewünschte war – gegebenenfalls wurde es in Windeseile am anderen Ende der Welt bestellt.
Das Geheimnis dieses Wunderlands, dieses 50 m² kleinen Paradieses war eine Art Zauberformel. Das „Hinterzimmer” bestand aus einem etwa 100 m² großen und 5 m hohen Lagerraum, der bis zur Decke mit eng gesetzten stabilen Holzregalen und einem komplizierten Gefüge aus waghalsig knarzenden Leitern regelrecht vollgestopft war. Es empfahl sich, sehr schlank zu sein, um sich durch dieses merkwürdige Labyrinth durchzuschlängeln. Eine weitere Besonderheit war die Stringenz, mit der Geschäft und Lager organisiert waren. Trotz einer beeindruckenden Warenmenge und des völligen Fehlens von Beschriftungen musste nie gesucht werden. Jeder Handgriff saß in Sekundenschnelle. Die Hauptzutat in diesem Zauberkessel war aber eine heute kaum vorstellbare Liebe zu Buch, Papier und Schrift. Die beiden älteren Damen, denen das Geschäft gehörte, und ihre langjährige Angestellte waren keine Verkäuferinnen. Sie waren gebildet, belesen, kundig und lebten mit Leidenschaft das, was sie taten. Sie hatten keinen Beruf, sondern eine Berufung. Mit ihnen konnte man stundenlang gleichermaßen über Ibsens Dramen, den Koran, die Bindung eines Clairefontaine-Heftes, die Eigenschaften englischer Aquarellfarben, den Unterschied zwischen Parker- und Waterman-Tintenleitern oder die Herstellung von Hahnemühle-Papieren reden. Beratung war keine Serviceleistung, Fachsimpeln keine Gunst, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Schon als kleines Kind ging ich jeden Tag an diesem wunderbaren Ort vorbei, und er zog mich magisch an. Hätte ich damals Taschengeld bekommen, wäre es sofort und vollständig in die immer perfekt gewachste Mahagoni-Schublade, die als Kasse diente, gewandert. Standen andere vor Weihnachten mit gierigen Augen vor dem Spielzeugladen oder dem Süßigkeitengeschäft, so drückte ich mir die Nase an dem Schaufenster platt, in dem Romane, Bilderbände, Füller, Notizbücher und Schreibtischaccessoires zwischen der festlichen Dekoration gekonnt beleuchtet glitzerten.
Im Teenageralter besuchte ich die alten Damen fast jeden Tag. Andere hatten einen Stammplattenladen oder sogar schon eine Stammkneipe, ich hatte mein Buch- und Schreibwarengeschäft. Ich war wohl ein wenig wie ein Comic-Hund, der jeden morgen zuverlässig um dieselbe Zeit in dieselbe Metzgerei trippelt, sich von allen streicheln lässt, und nach und nach vom Kuriosum zum Maskottchen wird. Tatsächlich wurde aus einer aus jugendlicher Sicht reichlich schrulligen Gewohnheit so etwas wie ein zweites Zuhause, ein Refugium in schwierigen Lebenssituationen, ein Lebensmittelpunkt. Ich hatte dort viele „erste Male”: meine ersten Schulhefte, mein erstes Buch, meine ersten Aquarellstifte, meinen ersten Füller, meinen ersten Studentenjob – unvergessliche und wunderschöne Augenblicke. Und meinen ersten schmerzlichen Abschied, als das Geschäft für immer schloss.

Viele Dinge mögen sich geändert haben. Mein Bedürfnis, mich mit Büchern und Schreibwaren zu umgeben, blieb ungebrochen. Meine Vorräte an Bleistiften, Kugelschreibern, Tintenpatronen und –gläschen und vor allem an Notizbüchern und Schreibblöcken sind recht beeindruckend – je nach Gesichtspunkt auch ein wenig verrückt. Im Falle einer wie auch immer gearteten Katastrophe hätte ich ganz sicher nicht genug Lebensmittel im Haus, um eine Woche zu überleben; Papier und Stifte würden aber für Jahre reichen.
Dieser Spleen treibt seltsame Blüten: Ob im Küchenregal, in der Handtasche, im Badezimmerschrank oder im Nachttischchen, es sind immer mindestens ein Schreibblock oder ein Notizbuch und zwei Stifte griffbereit. Im Sommer ist selbst der Balkon für alle Fälle ausgestattet – nicht selten findet sich im Herbst zwischen zwei nunmehr leeren Töpfen ein verwaister Bleistift.

In Gebrauch

Niftys Artikelreihe „Notebook Addict of the Week“ brachte mich vor kurzem dazu, mein eigenes Verhalten in der Nutzung von Notizbüchern zu hinterfragen. In der Tat war mir nicht bewusst, wie viele ich überhaupt in Gebrauch habe und wie oft ich jedes einzelne verwende. Nach einer Art „Inventur“ entdeckte ich Erstaunliches: Ich benutze täglich wesentlich mehr Notizbücher, als ich es vermutet hätte.

Wirklich täglich – genauer gesagt mehrmals täglich – gebrauche ich das, was ich als „Ideenhefte“ bezeichne. Ein besonders kleines im A6-Format wurde von einer Freundin für mich liebevoll gestaltet, und seit sie es mir geschenkt hat, begleitet es mich überallhin und folgt mir auch innerhalb der Wohnung von Raum zu Raum. Es fängt alle Text-, Blog- und Projektideen unsortiert und unformatiert auf. Leider wird es bald ausgeschöpft sein, und es wird eine sehr harte Trennung werden. Papier und Lineatur sind für seinen Zweck ideal, und es ist so gut wie unersetzlich.
Als weitere Ideenhefte fungieren ein Moleskine-Reporterblock mit Softcover in A5, in dem Exposés für künftige Thriller gesammelt werden, und ein Hardcover-Exemplar in der gleichen Größe, das Ideen und grobe Gliederungen für künftige Blogartikel aufnimmt.

Ebenfalls täglich im Einsatz sind verschiedene Moleskine-Cahiers in den Größen Large und Extralarge. Eines dient dazu, telefonische Besprechungen mit Auftraggebern und Kunden festzuhalten, und ist also eine Art „Aktennotizen“-Sammelheft, ein zweites hilft, Anfragen und Vertragsverhandlungen zu notieren.

Für Buchhaltung und Auftragsverwaltung sind zwei Kladden mit französischer Lineatur reserviert. Hinzu kommen natürlich Adressbücher mit unterschiedlichen Verwendungen und ein Terminkalender, sowie ein Moleskine-Cahier, in dem Werbemaßnahmen, ihre Belege und Ergebnisse peinlich genau für das Finanzamt aufgeführt werden.

Technische Informationen zu WordPress- und HTML-Themen werden in ein kleines Moleskine-Cahier zusammengetragen und stehen als Pannenhilfe immer in der Nähe des Schreibtischs bereit.

Die tägliche Arbeit findet auf Legal Pads statt.

Auch privat dreht sich das Leben um Notizbücher – mit Moleskine-Cahiers in der Hauptrolle: zwei Garten-Logbücher,

gesammelte Mal- und Zeichenvorlagen,

eine Wunschliste mit allen Büchern, die ich mir eines Tages kaufen möchte, falls ein unerwarteter Geldsegen auf mich herunter prasseln sollte, gehören dazu.


Meine wichtigsten Skizzen und Zeichnungen wiederum befinden sich in zwei Büchern der Marke Rossi – die sich heute allerdings ganz anderen Aufgaben widmet.

Insgesamt sind es also 19 Notizbücher, die ich täglich oder beinahe täglich verwende. Ich gebe zu, dass mich diese Zahl sogar ein wenig erstaunt hat. Schreibe ich etwa zu viel?

Eine angenehme Überraschung

Feiertage sind für mich immer ein willkommener Vorwand, „echte Post“, also „Schneckenpost“, zu verschicken. Dabei lege ich auch Wert darauf, besondere Grußkarten auszusuchen, die sich durch die Qualität der Materialien, der Gestaltung und des Drucks auszeichnen. Nachdem Ostern in diesem Jahr aber mit einer sehr arbeitsintensiven Phase kollidierte und mein sonst reich bestückter und normalerweise sorgsam gepflegter Vorrat bereits Wochen zuvor zur Neige gegangen war, musste ich umdenken und ausnahmsweise Kompromisse eingehen. Aus lauter Verzweiflung bestellte ich in fast letzter Minute einen Satz Grußkarten im Shop der Deutschen Post: 10 Doppelkarten inklusive der entsprechenden Umschläge und der passenden Briefmarken für einen Gesamtpreis von 12,95 € – nach Abzug des Portos also 0,695 €/Karte + Umschlag.
Ich versprach mir davon nicht allzu viel, aber was ich als peinliche Lösung empfunden hatte, erwies sich als Glücksfall.
Die Karten wurden nicht nur in ansprechender und praktischer Verpackung mit einer wunderschönen Banderole geliefert, die sich durchaus zur Weiterverwendung eignet, sie sind auch von beeindruckender Qualität. Das Papier ist in Farbe und Oberfläche sehr hochwertig und – was bei Grußkarten alles andere als selbstverständlich ist – absolut füllertauglich. Die Feder gleitet mühelos, aber nicht zu schnell, die Tinte zerläuft nicht und die Tintenfarbe bleibt perfekt erhalten. Das Druckbild der Kartenmotive ist scharf und glänzend, was man von den Produkten anderer Vertreiber ähnlicher Sets bei weitem nicht immer behaupten kann. Die mitgelieferten Briefumschläge sind zudem gefüttert, die Verklebung ist einwandfrei und die Gummierung professionell und frisch.
Einzig bedauerlich ist das sehr aufdringliche Logo auf der Rückseite der Doppelkarte, das den Eindruck vermitteln könnte, es handele sich um ein weiterverschicktes Werbegeschenk. Eine weniger plakative Anbringung wäre eindeutig von Vorteil und sicherlich auch verkaufsfördernd.
Besonders sinnvoll ist neben der Zusammenstellung als Komplettset die Tatsache, dass jeder Satz fünf verschiedene Motive beinhaltet, so dass selbst bei kleinem Bedarf und zeitlich ausgedehntem Verbrauch eines Päckchens die Wahrscheinlichkeit, demselben Empfänger versehentlich oder aus Not zweimal das gleiche Motiv zukommen zu lassen, sehr gering ist.
Insgesamt also ein überraschend gelungenes Angebot, das auch diejenigen überzeugen dürfte, die aus Kostengründen den Kauf von Grußkarten scheuen.